LeseMaus im Buecherhaus

Ein Leuchtturm der Liebe

Das Licht zwischen den Meeren: Roman - M. L. Stedman

Der erste Satz: „An dem Tag, als das Wunder geschah, kniete Isabel gerade an der Kante der Klippe und pflegte das neue Grab mit dem kleinen aus Treibholz gezimmerten Kreuz.“

 

Das Äußere: Ein symbolhaftes Bild – das eines Leuchtturms, unten gezeichnet, oben real anmutend. Dieser Zwiespalt zeigt was ist und was sein könnte und passt insofern perfekt zum Inhalt der Geschichte.

 

Das Innere: Tom Sherbourne, ein junger Mann gezeichnet von dem, was er im Ersten Weltkrieg erlebt hat, wird als Leuchtturmwärter auf einer einsamen Insel in Australien angeheuert. Die alltägliche, gleichförmige Arbeit ist genau das, was er braucht, um wieder einen Platz im Leben zu finden. Seine junge Frau Isabel teilt sein einsames Leben auf der Insel – und ein Kind würde ihr Glück vollkommen machen. Da wird eines Tages ein Baby in einem Ruderboot ans Ufer der Insel getrieben – der einzige Begleiter des kleinen Wesens ist eine männliche Leiche. Tom und Isabel treffen eine schwerwiegende Entscheidung und ziehen das kleine Mädchen als ihr Kind auf. Doch irgendwo hoffen möglicherweise die Angehörigen der Kleinen immer noch auf ihre Rückkehr…

 

Das Wesentliche: Allein schon das Lesen des Klappentextes macht neugierig auf den Roman. Ein junges Paar allein am Ende der Welt, ein sehnlicher Kinderwunsch und dessen unerwartete Erfüllung auf Kosten anderer – dahinter steckt doch sicher eine spannende Geschichte! Was aber tatsächlich im Buch auf den Leser wartet, ist noch viel, viel mehr.

 

Zunächst sind da zwei sehr gegensätzliche Persönlichkeiten: der Kriegsheimkehrer Tom, auf seine Weise versehrt durch das Grauen des Krieges, der nichts lieber will als sich vor der Welt verschließen – und Isabel, die junge, lebenslustige Frau, die kurzerhand entscheidet, dass Tom in Zukunft nicht mehr ohne sie leben soll. Ihre zärtliche Annäherung hat mich direkt gefangen genommen – wobei ich nicht so recht glauben konnte, dass Isabel tatsächlich in der Einsamkeit der abgelegenen Insel und des Leuchtturms zurechtkommen würde. Doch Isabel meistert die Tage mit erstaunlicher Gelassenheit und auch Freude.

 

Manche Bücher, die auf einen oder wenige Schauplätze reduziert sind, führen schnell zu einer Art Langeweile beim Lesen – das ist hier ganz und gar nicht der Fall! Ich fühlte mich dem Leben auf der Leuchtturm-Insel durch die angenehmen Bilder, die die Autorin durch ihre Schreibweise in mir erzeugt hat, selbst enorm zugetan.

 

Und so habe ich den beiden Protagonisten natürlich sehr gewünscht, dass ihr sehnlicher Wunsch nach einem Kind in Erfüllung geht – insofern konnte ich recht gut nachvollziehen, was die beiden dazu bewogen hat, ihr Glück in die Hand zu nehmen und das kleine Mädchen bei sich aufzuziehen. Eine Zeitlang scheint alles gut zu gehen – doch die Gewissensbisse machen dem rechtschaffenen Tom sehr zu schaffen.

 

Nachvollziehbar, dass er gerade wegen seiner schrecklichen Kriegserlebnisse niemandem mehr ein Leid zufügen will. Doch der Zwiespalt, in dem Tom steckt, hat mich zugleich wütend und traurig gemacht, denn jede Entscheidung, die er trifft, hat Auswirkungen auf die Zukunft der kleinen Familie. Hier ist der Leser enorm gefordert: ständig bin ich selbst zwischen der Moral, dem, „was richtig ist“, und dem, was das Herz sagt, hin- und hergeschwankt. Toms Zerrissenheit hat sich dabei förmlich auf mich übertragen: ich konnte jeden von Toms Schritten nachvollziehen, obwohl mich jeder einzelne davon zugleich wütend gemacht hat.

 

Und darin liegt auch ein Zauber dieses Buchs: man wünscht den Protagonisten und vor allem auch dem kleinen Mädchen immer nur das Beste – und findet sich selbst dadurch in einem moralischen Zwiespalt wieder, der seinesgleichen sucht. Das muss einem Autor erst einmal gelingen – auf unaufdringliche Art und Weise genau ein solches Gefühl im Leser zu erzeugen. Natürlich bleibt dem Leser bei aller Dramatik dennoch genug Zeit, um die herrlichen Landschaften und das raue Meer zu genießen.

 

Das Fazit: Tolle Landschaften, sympathische Hauptpersonen, wichtige Entscheidungen und enorme Konsequenzen –  kombiniert mit einer abwechslungsreichen, in die Handlung förmlich hineinziehenden Sprache. Das ist großes Buchkino!

 

Die Bewertung: Vier von fünf Sternen

Quelle: http://lesemausimbuecherhaus.blogspot.de/2013/11/rezension-das-licht-zwischen-den-meeren.html